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Text und Fotos Friedrich Klawiter
„ÂMES DE CIRQUE“
Charleville-Mézière, 13. Mai 2017

Das neueste Manegenspektakel des in Frankreich wohlbekannten Showproduzenten und "Monsieur Loyal", Christophe Ivanes, läuft unter dem Titel „Âmes de Cirque“ - „Seele des Circus“ - . In Charleville-Mézière, der Hauptstadt des Departement Ardennes, war man für zwei Galavorstellungen zu Gast.
Für dieses neue Projekt arbeitet Christophe Ivanes erstmals mit dem Cirque Lydia Zavatta von Adrian Caplot zusammen. Die Familie Caplot führt seit vielen Jahren den Namen von Achille Zavattas Tochter "Lydia Zavatta" in Lizenz. Auf dem Expo-Gelände, dem offiziellen Circusplatz der Stadt, war das hervorragende Material der Familie Caplot aufgebaut.
Der hervorragend gestaltete Fassadenwagen lädt zum Besuch ein. Großformatig in Airbrush-Technik ausgeführte Elefanten, Tiger, Löwen, Tänzerinnen und ein Clowns-Konterfei gliedern die Flächen. Oberhalb der kunstvoll geschwungenen Fassade bilden unzählige rote Glühbirnen den Namenszug des Circus. Die Kassenschalter sind zu beiden Seiten des Durchgangs im Wagen angeordnet.
Ein dekorativer Metallzaun, mit weißen Holzleisten in den Feldern und Lichterbögen schließt den Circusplatz ab.
Die Zeltanlagen glänzen in einem rot-gelben Streifendesign im Sonnenschein. Am Chapiteau moderner Bauart reicht die Plane hoch bis zu den Quertraversen der Mastpaare und überragt damit die langgestreckte Kuppel deutlich. Ein zweimastiges, rechteckiges Vorzelt, mittels eines Tunnels mit dem Spielzelt verbunden, wird von zwei Vordächern flankiert.
Der umfangreiche Fuhrpark des Circus setzt sich aus Sattelzügen mit zusätzlichen Jumbo-Anhängern zusammen. Jedem Gespann ist eine mächtige, mit verchromten Anbauteilen versehene Zugmaschine zugeordnet. Alle Fahrzeuge sind in leuchtendem rot lackiert und in großen gelben Lettern mit dem Circusnamen beschriftet. Die beiden Werbefahrzeuge, wichtiger Bestandteil jeder französischen Circusreklame, sind mit eindrucksvoll ausgeführten Motiven großflächig dekoriert. Die riesigen chromblitzenden Wohnwagenzüge, aus der französischen Edelschmiede Laurent, der Direktionsfamilie sind mit gewaltigen Kennworth Zugmaschinen bespannt und nehmen eine Platzseite ein.
Die großzügig bemessenen Ställe der Pferde, Kamele, Lamas, Zebras und Rinder sind Design passend zum Hauptzelt gehalten und bieten ihren Bewohnern reichlich Raum.
Zwei moderne Raubtierwagen, mit großen Veranden erweitert, bieten sechs Löwinnen, einem weißen Löwen und zwei weißen Tigern allen erdenklichen Komfort und sind mit einem großen Freigehege kombiniert.
Die beiden Verkaufswagen der Circusrestauration sind in die Seitenwände integriert. Frisch zubereitet werden Crêpes, Popcorn und Zuckerwatte neben Anderem angeboten.
Das Chapiteau, im Innern blau und mit vier dekorativen Sternen um die Masten verziert, beherbergt ein steil aufragendes Bankgradin, das den Besuchern beste Sichtverhältnisse bietet. Dekorativ gestaltete Logen, mit gepolsterten Klappstühlen ausgestattet, ergänzen das Sitzplatzangebot.
Der Artisteneingang aus elegant gerafftem, schwerem rotem Samt wird von modernen Beleuchtungselementen, die zahlreiche Effekte ermöglichen eingerahmt. Etliche dieser Leuchten sind zudem ringsum auf der Piste platziert. Die bestens ausgestattete Lichtanlage ist an einem hoch über der Piste hängenden Gitterrohrring  montiert.Mit einem exzellenten, ausgefeilten Lichtdesign wird in Show in beispielhafter Weise in Szene gesetzt und die auftretenden Artisten perfekt unterstützt.
Die musikalische Begleitung erfolgt von CD und ein Schlagzeuger setzt mit seiner gekonnten Begleitung die notwendigen Akzente.

Selbstverständlich tritt Christophe Ivanes, er gehört zu den profiliertesten Manegensprechern unseres Nachbarlandes, bei seiner eigenen Produktion als eleganter und eloquenter „Monsieur Loyal“ in Erscheinung. Sein Markenzeichen ist der Kostümwechsel zu jedem Auftritt und im Rahmen dieser Gala tritt er in zehn verschiedenen Fräcken vor sein Publikum. Charmant begrüßt er die anwesenden Gäste, würdigt den Veranstalter der Gala und stellt Direktor Adrian Caplot vor. Auch dessen Mutter, die neunzigjährige Grande Dame des Circus, die nach wie vor jeder Vorstellung in der Mittelloge beiwohnt, gilt seine Aufmerksamkeit. Im Verlauf des Abends zeigt sich einmal mehr - die Umbaupause der Monsieur Ivanes nicht gewachsen wäre muss noch erfunden werden.
Mit einem Paukenschlag beginnt die Nummernfolge - Steeve Caplot präsentiert seine, u.a. beim Festival von Massy mit einem Hauptpreis ausgezeichnete, hervorragende Raubtierdressur. Sieben Löwinnen und ein weißer Löwe beherrschen ein höchst umfangreiches Repertoire attraktiver Tricks, dass in hohem Tempo gearbeitet wird. Pyramide und verschiedene Sprünge, u.a. hoch an die Käfigwand über zwei aufgerichtete Tiere hinweg, Löwenbar, Teppich und Hochsitzer in der Manegenmitte erfolgen in erstklassiger Ausführung. Darüber hinaus sind auch selten zu sehende Elemente, wie z.B. das parallele hochsitzen zweier Löwinnen auf zwei abliegenden Tieren zu erleben. Furiose Scheinangriffe und ein formidabler „Vorwärts-Steiger“ einer Löwin sind weitere exzellente Tricks und auch der Sprung über den sich niederwerfenden Dompteur hinweg fehlt nicht. Abschließend steigt der weiße Löwenmann in aller Gelassenheit von seinem „Thron“ hinab und präsentiert sich voller Grazie auf einer rotierenden Spiegelkugel. Formidable fünfundzwanzig Minuten klassischer Raubtierdressur.

John Caplot präsentiert im Programmverlauf die beiden weiteren Dressur-Darbietungen des Hauses. Zunächst zeigen vier Steppenkamele unter seiner versierten und souveränen Peitschenführung eine umfangreiche Abfolge vielseitiger Lauffiguren. Vier Rinder unterschiedlicher Rassen, darunter zwei Watussi mit höchst prachtvollen Hörnern, komplettieren den Ablauf. Schließlich läuft ein temperamentvolles Welsh-Pony Achten um die auf Tonneaus stehenden Rinder und abschließend sind Lamas als Springer zu erleben.
Als letzte Darbietung des Abends präsentiert John Caplot die formidable Freiheitsdressur des Hauses. Zu Beginn der Figurenfolge flechten die großrahmigen Schimmel in zwei Gruppen. Es folgt eine reiche Auswahl der unterschiedlichsten Lauffiguren, die allesamt perfekt ausgeführt werden. Eine Reihe temperamentvoller Gruppen- und Da Capo Steiger beschließt den Auftritt in idealer Weise.
Rhodes Dumas komplettiert mit seiner Hunde-Revue die Reihe der Dressur-Darbietungen. In einem verspielt wirkenden Ablauf bieten die beiden Border Collies ihr erlerntes Können eifrig dar. Viele verschiedene Sprünge, u.a. auch über eine geschwungene Fahne werden temperamentvoll ausgeführt.

Miss Sharon bietet umfangreiche Evolutionen am Vertikalseil. Die relevanten Tricks des Genres werden enorm kraftvoll und in exzellenter Ausführung dargeboten. Können, Eleganz, Kraft und Ausstrahlung kennzeichnen den Auftritt und gehen einher mit exzellenter Präsentation.
Laurent Fraioli jongliert mit Diabolos. Variantenreiche Routinen werden gekonnt ausgeführt. Besonders zu erwähnen ist akzentuierte und erstklassig auf den Ablauf der Darbietung abgestimmte Begleitmusik. Die abschließenden Touren werden im abgedunkelten Zelt mit beleuchteten Diabolos ausgeführt.
Das Duo Cedelo arbeitet einen romantisch inspirierten Auftritt am Strapatentuch. Viele attraktive Haltefiguren werden in einem ruhigen Ablauf in elegant ausgeführt.
Stimmige musikalische Begleitung und das herausragende Lichtdesign steigert die Publikumswirksamkeit zusätzlich.

Clown Capuccino war in drei Auftritten zu erleben. Mit Ausstrahlung, großer Spielfreude und Können nahm er die Zuschauer sofort für sich ein. Die erste Reprise gestaltete er mit romantischem Spiel (Petit Fleur) auf dem Tenor Saxophon. In einem weiteren Auftritt, der mit Grandeza absolviert wurde, wurden etliche Logen-Besucherinnen mit „Luftballon-Blumen“ bedacht. Im großen Entrée übernahm Rhodes Dumas den seriösen Part und mit Verve brachten die beiden Komödianten das Box-Entrée. Unter lautem Gekreische, Jubel und begeistertem mitgehen der zahlreichen Kinder liefen die Aktionen ab. Schließlich verabschiedeten sich die Clowns mit gekonntem Trompetenspiel.
Enzo Caplot, zwölfjähriger Sohn von Steeve Caplot, verblüffte mit einer Handstandequilibristik der absoluten Extraklasse. Der relativ kleine Junge verfügt bereits über enorme Kraft, enorme Körperbeherrschung, enorme Ausdauer und enorme Ausstrahlung. Nach den ersten Handstandfiguren auf einem hohen chromblitzenden Piedestal baut er gekonnt Klötzchentürme auf. Es folgen perfekt gearbeitete Einarmer. Er führt einen erstklassigen Kopfstand, ohne Vorteil - ohne Kopfring, auf der Mittelsäule des Piedestals aus, während diese hoch in Richtung Kuppel ausfährt und sich hernach wieder absenkt. Doch diese Spitzenleistung war bei Weitem noch nicht der Abschluss seiner Evolutionen. Auf der immer wieder hochfahrenden Säulen, die durch Handstäbe immer noch weiter verlängert wird, folgen in immer größerer Höhe Handstände, Einarmer und Handstandwaagen in Perfektion, wobei auch beim umsetzen von einer in eine andere Position keine Unsicherheiten zu erkennen sind. Chapeau.

„La Reine de la Neige“, die mongolische Artistin Heejin komplettiert mit ihrer Kontorsions-Darbietung die Spielfolge. In dichten großen Flocken rieselt der (Kunst) Schnee aus der Kuppel, während die junge Frau in den roten Ring tritt und anmutig ihre ersten Kontorsionen arbeitet. Ein breites Spektrum der Abläufe des Genres wird scheinbar ohne die geringste Anstrengung ausgeführt. Einen großen Teil ihrer Kontorsionen arbeitet Heejin im Handstand auf zwei Handstäben. Die abschließende Balance auf einem Mundstab bildet den bezaubernden Höhepunkt ihres Auftritts.
Mit einem schwungvollen Finale findet die mitreißende Show ihren gelungenen Abschluss. Nicht enden wollende Standing Ovations halten Artisten, „Monsieur“ Loyal und Direktion lange am Platz, ehe Christophe Ivanes eine Neuauflage der Veranstaltung mit völlig neuer Show im kommenden Jahr ankündigen kann.
Die Familie Caplot betreibt ihren Circus mit Lust und Liebe zum Beruf. Mit Einsatzbereitschaft und großem Können bietet man ein sehr sehenswertes, unverfälschtes, echtes, traditionelles Circus-Spektakel, dass mit den aktuellen technischen Möglichkeit in erstklassiger Weise präsentiert wird und in das sich die engagierten Artisten in idealer Weise einfügen. Ganz großer traditioneller Circus, wie wir ihn in diesem Stil schon lange nicht mehr erlebt haben. Vive La France - vive la Famille Caplot.