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Text und Fotos Friedrich Klawiter
MAXY NIEDERMEYER
Longwy, 15. Juli 2008
“Komm Schätzchen, komm her, wir gehen jetzt da rüber.”   Interessiert verfolgen die Zuschauer, wie die Dompteurin der sechsjährigen Tigerin Halsband und Longe anlegt, die Gittertüre öffnet und ihr ‘Schätzchen’ entlang der Absperrung in ein anderes Abteil des Raubtierwagens umsetzt. In Longwy ist der Marktplatz inmitten der Stadt Standort der Circusse und an diesem schönen Sommertag  haben viele potentielle Besucher der in etwa einer Stunde beginnenden Nachmittagsvorstellung  zuvor die Menagerie besucht. Ein wenig müde wirkt die ältere Dame, die mit Hingabe ihre Tiere versorgt. Ihr Tag, so hat sie uns erzählt, begann um fünf Uhr in der Frühe. Dann sind sie, in der Fahrzeugkolonne des Circus Medrano von Raoul Gibauld in die neue Stadt gefahren. Voraus ihr Mann Marcello im Lkw und dem Raubtierwagen, sie folgt mit dem Camping am Geländewagen. Sie hatten sich gefreut  auf dieses Engagement, zum ersten Mal in Frankreich, bei einem, als seriös seinen Verpflichtungen nachkommend bekannten, großen Circus. Nur hatte dieser Anfang des Jahres seine Tourneeplanung gravierend geändert und bereist in diesem Jahr kleine und kleinste Städte, so dass es lange Wochen mit Eintagesplätzen zu ertragen gilt. In den letzten drei, vier Jahren war man in Italien mit dem ‘Circo di Vienna’ der Familie Vassallo unterwegs. Da dieser Circus jährlich die gleichen Städte hält und inzwischen eine eigene Raubtiernummer besitzt, wurde das Engagement nicht mehr verlängert. “In Italien ist es anders. Dienstag und Mittwoch ist Reise- und Aufbautag. Vorstellungen sind von Donnerstag bis Montag. Aber jetzt”, sagt sie mit einem Lächeln, “ist das Schlimmste ja überstanden - die Tournee ist zur Hälfte um. Wenn man, so wie wir, mit eigenen Tieren reist, gibt es den ganzen Tag Arbeit. Einen Kutscher kann ich nicht bezahlen und so müssen wir alles allein machen. Fahren, aufbauen, Tiere versorgen, zwei Vorstellungen, abbauen. Da bleibt kaum noch Zeit zum schlafen, wenn es richtig gut läuft mal fünf Stunden in der Nacht. Zum Proben mit Dagmar, der jungen Braunbärin, komme ich kaum noch und das Material ist auch nicht mehr richtig sauber”.
Am Vormittag hatten sie den Raubtierwagen mit einer großen Veranda versehen und die Absperrungen aufgestellt, die umfangreichen Requisiten entladen und vorbereitet und… und… und…, nun ist etwas Ruhe und aus einer kurzen Frage entwickelt sich ein interessantes Gespräch zu dem sich Frau Niedermeyer immer wieder einige Minuten Zeit nimmt. Jacky, die fast sechsunddreißigjährige Eisbärin, hat gesundheitliche Probleme. Das Herz macht nicht mehr richtig mit. “Sie ist wohl die älteste Eisbärin auf der Welt und zu vergleichen mit einem Menschen von über einhundert Jahren. Zwei Städte zuvor hatten wir den Tierarzt da, der hat ihr fünf Stärkungsspritzen gemacht und die nächsten Tage müssen wir das noch mal wiederholen. Wir hoffen, dass sie so noch etwas leben kann. Ich lasse sie nur noch abends in die Manege, nur noch in der Kutsche mitfahren. Da hat sie noch ein bisschen Bewegung, muss sich aber nicht anstrengen. Mittags arbeitet dafür dann schon die junge Bärin”.
Dann wird eine Veranda am Lkw vor das Küchenabteil gebaut und sie bereitet die Mahlzeit für ihre drei Bären, es gibt noch eine rund dreißigjährige Braunbärin in der Gruppe, Obst Gemüse und Hähnchenschenkel stehen auf dem Speiseplan, während im Abteil nebenan das Pferd mit Huftritten auf sich aufmerksam macht.
Frau Niedermeyer erzählt, dass sie 1940 auf der Reise geboren wurde. Ihre Eltern hatten zunächst eine Hunde- und eine Ziegennummer. Direkt nach dem Krieg waren sie beim Circus Renz-Nock in der DDR engagiert und “da kamen dann zwei Bären dazu. In der DDR war Kinderarbeit strikt untersagt und unter vierzehn durften wir auch nicht in die Manege. Als wir 1951 bei Aeros waren, musste mein Vater für ein paar Tage ins Krankenhaus. Als selbstständige Artisten konnten die Eltern sich keinen Assistenten leisten und meine Mutter entschied: ’heute Abend assistierst du mir bei den Bären’. Das war mein Premierenauftritt. Nur gut, dass ich als elfjährige schon recht erwachsen aussah und als vierzehnjährig durchgehen konnte. Als mein Vater wieder gesund war, haben wir zu proben begonnen und im Laufe der Zeit wurde ich in die Nummer integriert“. In dieser Zeit kam der erste Eisbär, ein Jungtier aus der Gruppe von Francesco Capri zu den Niedermeyers und wurde im Wohnwagen großgezogen. “Ein ganz besonders liebes Tier, wie ich nie wieder einen Bären erlebt habe. Auch als er längst erwachsen war konnte ich, wenn er fraß direkt neben ihm stehen, mit ihm zusammen mich schlafen legen und ohne Maulkorb mit ihm ringen. Nie hat er attackiert, war nie aggressiv“. Früh, mit achtzehn oder  neunzehn Jahren hat sie sich Bären gekauft und ihre eigene Nummer aufgebaut. Die Idee mit Kutsche und Pferd war schnell geboren und so gelangten ihre Bären immer reitend und fahrend in die Manegen der östlichen Welt. Dreißig Jahre lang gehörte sie zum Ensemble des bulgarischen Staatscircus und die Tourneen führten sie außer in die sozialistischen Bruderstaaten auch nach Griechenland und den vorderen Orient. Ihre weiteste Reise war zu einem Gastspiel in Taiwan. Für einige Jahre hatte man ein eigenes Winterquartier in Bulgarien, “aber das habe ich wieder verkauft. Die Saisonpausen sind zu kurz und die Anfahrt aus Westeuropa zu weit. Es lohnt sich nicht, der Aufwand ist zu groß”.
Ihr ganzes Leben lang hat Maxy Niedermeyer mit Bären gearbeitet, die aktuell mitwirkende Tigerin ist ihre erste Raubkatze, ist eine der wenigen Dompteure, die mit Eisbären an der Longe auftreten. Da stellt sich die Frage nach Gefahr und Zwischenfällen fast ganz von alleine. “Jacky war etwa drei Jahre alt, wir in St. Petersburg im Circusbau. Wir waren an der Reihe und sie kam zum Auftritt aus dem Abteil, da entdeckte sie einen fremden Hund unter dem Wagen. Sie wollte ihn gleich greifen, aber ich riss sie an der Longe zurück. Sofort war ich ihr Gegner, der ihr die Beute wegnehmen wollte und sie ging blitzartig auf mich los. Der erste Tatzenschlag warf mich zu Boden, zerfetzte das Kostüm und dann war sie über mir. Obwohl sofort andere Artisten und Circusarbeiter zur Stelle waren, auf sie einschlugen -  sie wegzerren wollten, lies sie nicht von mir ab. Sie streifte sich blitzschnell den Maulkorb ab, bearbeitete mich minutenlang mit Schlägen mit den Vordertatzen. Dann hat ein erfahrener ehemaliger Raubtierkutscher ihr einen Eisenanker über den Schädel geschlagen und sie war ziemlich ko. So konnte man mich unter ihr herausziehen. Ich war komplett grün und blau, voller Striemen und es dauerte gut eine Woche, ehe meine Augen soweit abgeschwollen waren, dass ich wieder sehen konnte.  Da bin ich zu ihr in den Wagen und wir haben uns auseinandergesetzt. Danach haben wir uns gut ein Jahr lang gegenseitig misstraut - dann ging es wieder ganz gut. Sie musste dann einige Jahre Handschuhe tragen beim Auftritt, damit sie den Maulkorb nicht mehr runter bekam. Jetzt mag sie die junge Bärin nicht, versucht in der Kutsche sie zu packen und hat auch mal wieder versucht den Maulkorb abzustreifen”.
Ausdrücklich besteht Frau Niedermeyer darauf, dass wir uns nach der Abendvorstellung noch treffen. Unseren Einwand, es sei doch ein weiterer langer anstrengender Tag in der Folge vieler für sie gewesen, wischt sie beiseite “Heute ist doch kein Abbau, wir bleiben doch zwei Tage. Da ist genug Zeit zum ausruhen”. So sitzen wir denn bis spät in die Nacht vor dem Camping und hören und sehen Interessantes aus einer langen Dompteurkarriere. Marcello hat längst einen Fernseher ins offene Wohnwagenfenster gestellt und Videos aus den achtziger Jahren zeigen die Veränderungen der Nummer im Laufe der Jahre. In früheren Jahren arbeitete neben Eisbärin Jacky und der Braunbärin, ein Kragenbär - an seine Stelle trat die Tigerin, “da zu der Zeit seines Ablebens partout kein Bär zu kaufen war”, sowie - eine absolute Rarität in Circusmanegen - ein Malaienbär. Dazu kam noch ein Waschbär und für relativ kurze Zeit ein Nasenbär. “Seine Haltung war allerdings delikat und auf die Dauer zu schwierig, so dass wir davon wieder Abstand nahmen. Es hat mich immer gereizt einen Baribal in die Nummer zu nehmen, doch es ist mir nie geglückt ein solches Tier zu bekommen”. Zehn Jahre lang wurde ein kräftezehrender Trick geboten. Der Kragenbär erklomm eine Perch, die von der Dompteurin im Gürtel gehalten wurde und drehte einige Wellen um die Querstange. “Dann war mein Rücken so kaputt, dass es nicht mehr ging. Der Bär hatte etwa das Gewicht eines Menschen, aber er bewegt sich ‘unvorsichtiger’, heftiger. Das auszugleichen und zu balancieren verlangt sehr viel Kraft. Wir haben dann die Perch auf einen freistehenden Ständer montiert, es war natürlich nicht mehr ganz so spektakulär aber die einzige Möglichkeit”.
Bekanntermaßen veränderte sich Europa nach 1989, die Grenze zwischen Ost und West öffnete sich. Nach dem ’Aus’ des bulgarischen Staatscircus reiste Maxy Niedermeyer erstmals 1991 zu einem Engagement in den Westen - nach Italien.  Bis dahin unbekannte Probleme mussten gelöst werden.  War bisher der Circus für den Transport ihres Equipements zuständig, war sie nun selbst gefordert. So musste zunächst ein Lkw, der erste war ein “schon recht betagter FIAT”, angeschafft und mangels geeignetem Führerschein ein Circusarbeiter als Fahrer aktiviert werden. Hier in Italien lernte sie auch ihren Mann Marcello kennen und seither sind sie zu zweit mit den Circussen unterwegs.
Pläne für die Zukunft sind gemacht. “Zunächst muss Dagmar fest in die Nummer eingebaut werden und mehr Tricks sicher beherrschen, im Moment macht ja der Tiger die halbe Nummer, denn Jacky wird nicht mehr ewig da sein. Ihren Platz wird sie dann einnehmen. Optisch ist die Nummer mit Eisbär zwar attraktiver, aber einen neuen wird es nicht mehr geben. Einen zu bekommen wäre wohl möglich, wenn auch sehr teuer aber  die  Anforderungen der  Haltung…. Nun ja, wir sehen uns erstmal nach einem neuen Waschbären um, dass wäre eine schöne Ergänzung. Ein weiterer junger Braun- oder Kragenbär als Ersatz für meine alte Braunbärin. Im Winter wird eine neue Kutsche gebaut, aus Edelstahl. Das ist haltbarer und muss nicht gestrichen werden, so wie die jetzige, es sieht einfach immer sauberer aus. So lange ich laufen kann, will ich mit meinen Tieren arbeiten. Ich bin jetzt fast achtundsechzig, ans aufhören denke ich nicht. Ein Leben ohne meine Bären mag ich mir nicht vorstellen”.