Text Friedrich Klawiter, Fotos Friedrich Klawiter (1) & Reto Hütter (6)
RETO HÜTTER
Bad Kreuznach, 19. Juni 2015

„Circus prägt die Persönlichkeit, man lernt sich zu behaupten und sich auf stets neue Situationen einzustellen“ mit diesen prägnanten Worten umreißt Reto Hütter seine Liebe zu seinem Beruf und begründet warum er heuer ein rundes Jubiläum - 30 Jahre Pressesprecher und Tourmanager - feiert. Wir sitzen im hell und modern eingerichteten Bürowagen des Deutschen National Circus Carl Busch und Reto Hütter gibt uns freundlich Einblick in seinen Werdegang und lässt dreißig Jahre Circus im Zeitraffer vorüberziehen.
In Zofingen einer kleinen Stadt im Aargau, in der schönen Schweiz wurde er geboren. Zusammen mit seinen beiden Schwestern wuchs der Junge in einem wohl behüteten Elternhaus, der Vater betrieb ein Friseurgeschäft, auf.
Früh entdeckte der kleine Reto die Faszination des Circus und wann immer sich die Gelegenheit ergab, wurden fleißig Vorstellungen besucht. Der Schweizer National Circus der Gebrüder Knie, die Circusse Nock und Olympia waren die Unternehmen, die alljährlich mit immer wieder neuen Attraktionen und „Wundern“ zum Besuch luden.
Doch nicht die einheimischen Circusse allein sorgten für Begeisterung. Retos Vater, gebürtig aus Österreich erzählte dem Jungen von anderen großen Unternehmen, vornehmlich von Sarrasani, die er früher gesehen hatte. Allein der klangvolle Namen des Circus regte die Phantasie des Jungen an und verhieß Großartiges.1974 gastierte Sarrasani in der Schweiz und der Teen hatte endlich die Gelegenheit, den phantastischen Circus live zu erleben. „Es war ein unvergessliches Erlebnis, diesen beeindruckenden Circus sehen zu können. Sarrasani war damals ein großes, nach heutigen Maßstäben ein riesiges, Unternehmen. Größer als alles was ich bis dahin gekannt habe. Natürlich sah der Circus anders aus, als mein Vater ihn aus seiner Erinnerung schilderte. Die große grün-weiße Fassade, die Vielzahl der Wagen und nicht zuletzt das riesige fünfzig Meter Durchmesser messende Chapiteau und dann dazu das wirklich sehr beeindruckende  Programm - soviel hochkarätige Nummern hatte ich bis dahin in einer Show noch nicht erlebt“. Noch heute ist Hütter die Begeisterung für diesen Circus anzumerken und viele Programmdetails sind noch in bester Erinnerung. 1979 kehrte Fritz Mai mit seinem Circus in die Schweiz zurück und schlug Reto Hütter wiederum in seinen Bann.

Nach erfolgreich besuchtem Gymnasium wurde die schulische Laufbahn mit einem Diplom an der Handelsschule in Aarau abgeschlossen und anschießend trat der junge Mann eine Anstellung als Bankkaufmann an. Parallel dazu studierte er an einer Abendschule Geige. Bereits als Sechsjähriger hatte Hütter mit Hingabe und Eifer begonnen, dieses Instrument zu spielen. Das musische Talent war ihm von seiner Großmutter in die Wiege gelegt worden, die als ausgebildete Sängerin auf Operettenbühnen reüssierte. Bereits als Gymnasiast spielte er im Stadtorchester Zofingen die erste Geige und ein weiterer Werdegang als Musiker war seit langem vorbestimmt. So empfand Hütter die Doppelbelastung durch berufliche Ausbildung und Geigenstudium denn auch nicht als Belastung sondern als Bestimmung.
Doch andererseits war da auch der Hang zum Circus und der Wunsch diesen Lebensweg einzuschlagen.
Es bestand für ihn schon seit einiger Zeit die Möglichkeit bei einem der einheimischen Unternehmen zu arbeiten, doch da war das Elternhaus nicht so angetan - es sollte schon ein großes international renommiertes Unternehmen sein, bei dem der Sohn anfangen sollte. Reto Hütter bewarb sich daraufhin einfach bei Sarrasani, dem Circus der die größte Faszination auf ihn ausübte und wurde zum Beginn der Saison 1985 eingestellt.
„Walter Voelckel war zu der Zeit Geschäftsführer bei Sarrasani und wurde mein Lehrmeister. Gerne erinnere ich mich auch an Edith Parakennings, die Direktionssekrtärin. Natürlich habe ich auch von Direktor Fritz May, der ein wirklich großer Direktor war und sich in der Branche allerbestens auskannte, eine Menge gelernt. Bei Sarrasini wurde sehr professionell gearbeitet und besonders die hervorragenden Umgangsformen in dem Unternehmen sind mir in bester Erinnerung. Es war eine schöne Zeit, an die ich mich sehr gerne erinnere“.

In Köln besuchte Hütter erstmals den Circus Fliegenpilz und war von dem jungen frischen Unternehmen mit seinem eigenen Konzept angetan. Die gemütlich heimelige Atmosphäre, der intime Rahmen, die Chefin ist Schweizerin, ein interessantes Konzept - da passte Vieles zusammen und zur Saison 1987 wechselte er zu diesem Circus, wo er bis 1990 als Pressechef arbeitete.
Es folgten Stationen bei FlicFlac, dem Mongolischen Staatscircus von Ronnie Feenstra, dem Circus Louis Knie und der Abschiedstournee von André Hellers „Begnadeten Körpern“. Er arbeitet drei Jahre für den American Circus der Tognis, zumeist von Zuhause aus, und war 2000 als Tourneedirektor mit auf Tournee.

Seit 2007 setzt Reto Hütter seine Kraft und sein Können zum Wohl des Circus Carl Busch ein. Die verantwortungsvollen Aufgabenbereiche eines Tourneeleiters und Pressesprechers werden von dem erfahrenen Manager akribisch betreut. „Ich bin froh mich für diesen Beruf, für diesen Lebensweg entschieden zu haben. Hier ist Kreativität erforderlich und gewünscht. Man muss sich in Extremsituationen behaupten und entwickelt seine Persönlichkeit. Ständig muss man mit anderen Partnern verhandeln und lernt sehr viele verschiedene Menschen kennen. Das lässt sich in keinem anderen Beruf vergleichen“.
Die Struktur der Circusse in denen er arbeitete, betont Reto Hütter, waren recht unterschiedlich, ein jeder habe seine besonderen Vorzüge gehabt. Bei seinem aktuellen Arbeitgeber fühlt er sich besonders wohl und aufgehoben. „Frau Wille ist eine sehr kompetente Chefin, die den Circus hervorragend führt und zusammen sind wir ein sehr gutes Team“. Die Direktion schätzt seine Kreativität und es gibt Freiraum eigene Akzente zu setzen. Das sei zum Beispiel in seinem Heimatland nicht gegeben, „dort versteht man diese Arbeit als die eines Sachbearbeiters und eigenständiges Handeln ist nicht gefragt“.
Sehr wichtig sei gewesen, dass er als junger Mann am Anfang der Karriere öfter den Arbeitgeber gewechselt habe. „Man lernt viel mehr, wenn man verschiedene Unternehmen kennenlernt, denn überall wird anders gearbeitet. Es ist nicht gut für die eigene Entwicklung, wenn man sich sehr jung bereits auf einen Betrieb festlegt, da besteht recht schnell die Gefahr betriebsblind zu werden und nur noch auf dem eingefahrenen Gleis zu bleiben. Es ist nicht nur für die eigene Entwicklung, sondern auch zum Wohl der jeweiligen Unternehmen wichtig, dass man möglichst viel kennengelernt hat und über verschiedenste Erfahrungen verfügt“.

„Circus wird es immer geben“, wagt Hütter eine Zukunftsprognose, „allerdings wird er sich verändern und sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anpassen müssen. Ob er immer mit Tieren sein wird, wird man sehen“. Das ein Wildtierverbot kommen wird, glaubt er nicht. Allerdings sieht er die Regierung sehr in der Pflicht mit klaren gesetzlichen Regelungen eine eindeutige Entscheidung zu Haltebedingungen zu schaffen. „Es müssen klare Regeln, an denen von Niemanden zu rütteln ist her, festgeschriebene Bedingungen unter denen alle infrage kommenden Tiere im Circus zu halten sind, die allgemein verbindlich sind. Nur so kann ein Ende der fortdauernden Diffamierung, Kriminalisierung, Verfolgung und Diskriminierung von Tierlehrern und Circusbetreibern erreicht werden und der Circus sich in einem normalen Umfeld entwickeln und fortbestehen“.

Den notwendigen Ausgleich zum anspruchsvollen und anstrengenden Alltag findet Reto Hütter in der raren Freizeit in der Literatur. Er liest Biographien und beschäftigt sich mit russischer Literatur. „Städtereisen sind im Urlaub gleichfalls eine schöne Beschäftigung. Es gibt so viele schöne, faszinierende Städte mit ihrer Kultur, die mich interessieren und die ich gerne besuchen möchte“.
Reto Hütter hofft, seinen derzeitigen Job möglichst lange weitermachen zu können, nachdem die Gesundheit ihm im letzten Herbst einen Streich gespielt hat. „Solange meine Gesundheit so ist wie momentan, möchte ich gerne mit dem Circus reisen und meine Arbeit tun. Zielsetzungen für die Zukunft sind derzeit nicht angeraten“. Eine Rückkehr in die Schweiz allerdings sieht der erfahrene Manager für sich erst nach dem Eintritt in den Ruhestand.
Wir danken Reto Hütter für die freundliche Aufnahme, das offene, ausführliche und informative Gespräch und für die Zeit, die er sich für uns genommen hat.

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