Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRCUS FESTIVAL GOLDENER BIBER
Neustadt (Hessen), 10. Oktober 2026

Die siebte Ausgabe des alljährlichen größten hessischen Circusfestival begeisterte erneut mit einer höchst unterhaltsamen und abwechslungsreichen Show.  Bürgermeister Thomas Groll, einem passionierten Anhänger des traditionellen Circus, gelang es auch in dieser Spielzeit wieder eine Reihe erstklassiger internationaler Darbietungen zu präsentieren.
Die Grünanlage um den Junker Hansen Turm, direkt neben dem Rathaus gelegenes Wahrzeichen der Stadt, hat sich erneut in einen schmucken und lebhaften Circusplatz verwandelt.
Den administrativen Part der Veranstaltung übernehmen in bewährter Weise Thomas Groll und seine Mitarbeiter, während die „Hardware“ wiederum vom Circus Manegentraum der Familie Bichlmaier kommt.
Der rot-gelb gestreifte Zweimaster setzt einen leuchtenden Farbakzent an diesem herbstlichen Tag. Das seitlich angeordnete Vorzelt ist an der Frontseite offen und die Musiker der Saxophon-Gruppe des Happy Sound Orchesters haben hier ihren Platz und sorgen mit ihrem schwungvollen Sound während Einlass und in der Pause auf dem Gelände für beste Stimmung. Ein dekorativer Zierzaun, bunt und fröhlich bemalt, markiert die Front des Unternehmens. In der Dunkelheit tauchen zahlreiche Lichterketten an Zaun und Zelten den Circus in eine romantische Atmosphäre.
Zwei Sattelzüge mit mächtigen Zugmaschinen stehen hinter dem Zelt, während Tiergehege und Wohnwagen den weiteren Raum rings um den Turm einnehmen.


Das Opening gestalten vier Artistinnen des Artistikstudio „Toledos“ aus Jena mit einer kurzen, temperamentvoll vorgetragenen Partnerakrobatik.
Nun eröffnet Bürgermeister Thomas Groll sein Festival und begrüßt die zahlreichen Besucher. Frau Ann-Kathrin Bichelmaier übernimmt das Mikrofon und fungiert als Sprechstallmeisterin, die das Publikum mit zahlreichen Informationen zu den auftretenden Artisten versorgt.
Kaum ist Frau Direktor mit ihrer Ansage zu Ende, stört Clown Jimmie – Dave Ruiter – den Ablauf. Er möchte zu Vorstellungsbeginn Fotos mit dem Publikum machen. Nach einigem Hin und Her gelingt das Vorhaben – wenn auch nicht ganz wie gedacht. Die weiteren Auftritte des Niederländers stehen ganz im Zeichen seiner großen Musikalität. Zunächst überbrückt er mit einem Intermezzo auf dem Saxophon einen Umbau in der Manege. In einem weiteren Auftritt erleben wir ausgezeichnetes Glockenspiel. Acht Stück sind auf der Weste des Clowns befestigt. Die Glocken haben einen besonderen, sehr vollen Klang und werden durch einen Knopf auf der Oberseite angeschlagen. Im umfangreichen Entree ist das Musik machen verboten, wie Justin Bichlmaier den Clown wissen lässt. Konsequent werden die zahlreichen Musikinstrumente konfisziert und nach gekonntem Spiel verschwinden Tuba, Saxophon, Harmonika, Posaune, Flöte, Mundharmonika und zuerst die Trompete und dann auch das Mundstück aus des Clowns Zugriff.

Drei Tier-Darbietungen waren in der aktuellen Ausgabe des Festivals zu erleben. Vier Ponys zeigen unter der versierten Peitschenführung von Riccardo Frank ihr erlerntes Können. In einem zweiten Auftritt präsentiert der Tierlehrer gemeinsam mit seiner Tochter Naomi fünf muntere Ziegen. Sprünge, diverse Balkenläufe und ein Hinterbeinlauf gehören zum Repertoire und ein Kruppensteiger komplettiert die Trickfolge.
Die Papageien-Revue von Julia Hajdu  und Markus Korittnig ist vor der Pause zu erleben. Drei Aras sowie ein Kakadu und eine Amazone drehen Saltos um Stangen, schieben einen Einkaufswagen, laufen Seil und beherrschen weitere, willig und spielerisch präsentierte Tricks. Flugeinlagen runden den Auftritt ab.
„Charming Girls“ nennt sich eine Trio Formation des Artistik Studio Toledo. Die Hobby-Artistinnen arbeiten eine veritable Partnerakrobatik, die eine Reihe feiner Tricks bietet. Die jungen Damen begeistern mit einem höchst professionellen Auftritt, der in jedem Rahmen zur Geltung kommt.

Zwei hervorragende Darbietungen bringt die schwedische Artistin Silea in die Festival Manege. Flaschenlauf – eine so gut wie in Vergessenheit geratene Disziplin wird von der sympathischen Künstlerin gekonnt neu interpretiert. Ein, für Circus Verhältnisse außergewöhnliches Erscheinungsbild und ebensolche Begleitmusik bilden den besonderen Rahmen zu diesem Act eines nicht alltäglichen Genres.
Der zweite Teil des Programms startet mit Sileas Tanz auf dem Seil. Wir sehen einen vorzüglich interpretierten Tango auf dem Seil, der in verschiedenen Tempi variantenreiche Schritte, anspruchsvolle und auch ungewöhnliche Balanceposen und kühne Sprünge beinhaltet. In etlichen Situationen verharrt und balanciert die Artistin „quer“ zum Seil. Zwei Mal geht sie in den Spagat, wobei diese Position durch extrem langsames rutschen aus dem Stand erreicht wird.

Die weiteren Darbietungen des Programms werden von der tschechischen Circusfamilie Wertheim gearbeitet. Da ist zunächst Sohn Josef jr. mit seinem leistungsstarken Auftritt auf der Rola Rola. U.A. gehören Seil springen, Balance auf einem Basketball und Keulenjonglage auf dem Rollbrett zu seinem erstklassig gearbeiteten Repertoire. Zum Höhepunkt seines Auftritts balanciert der jugendliche Artist das Brett unter seinen Füßen auf sechs Ringen und zwei Rollen sicher aus.
Ebenso auf hohem Niveau präsentiert sich seine elfjährige Schwester Annais mit einer trickstarker und ausgereiften Kontorsion-Darbietung. Mit großer Manegenpräsenz zeigt das zierliche Mädchen seine umfangreiche Kür, die auf den Rängen großes Erstaunen ob der großen Beweglichkeit der Akteurin auslöst.
Rasant gehen Vater und Sohn Wertheim bei ihrem Act auf Einrädern zu Werke. Vielseitige Tricks erfolgen gekonnt und mit großer Sicherheit. Nach den ersten Touren auf Einrädern wechselt man auf Stangenräder und schließlich kommt ein besonders hohes Exemplar zum Einsatz. Besondere Aufmerksamkeit gebührt dem Umstand, das kein Boden ausgelegt ist und sämtliche Aktionen nur auf der als Manegenteppich dienenden Plane auf der holprigen Wiese erfolgen.
Effektvoll setzt Aura Wertheim ihr Spiel mit dem Feuer in Szene. Sie streicht mit den Fackeln über die bloße Haut ihrer Arme. Sehr lange hält sie Flammen im Mund und löscht die Fackeln schließlich auf der Zunge. Abschließend stößt sie eine hohe Feuersäule in Richtung der Zeltkuppel aus.
Die Finalnummer gestaltet das Trio Wertheim mit einem formidablen Perche Act. Zunächst bietet Annais Kautschuk-Tricks auf einer Plexiglas Plattform an der Spitze einer Schulterperche und Josef jr. zeigt u.a. eine Handstandwaage. Zum Höhepunkt des Auftritts trägt Josef Wertheim sen. seine Tochter an der Spitze einer Stirnperche über eine fünfsprossige Leiter. Auf dem höchsten Punkt angekommen, führt das Mädchen, knapp unterhalb der Zeltkuppel, einen perfekten Stand im Spagat aus. Mit feuchten Händen und in atemlose Stille verfolgt das Publikum diese furiose Leistung.
Das Finale, mit Einzelvorhängen und Feuerwerk, vereint das Ensemble noch einmal in der Manege und lässt die hervorragende Show harmonisch ausklingen.
Wie in den Vorjahren kann man nur feststellen, dass das Festival „Goldener Biber“ in kleinem feinen Rahmen großen traditionellen Circus bietet. Zweieinhalb Stunden bester Live-Unterhaltung wie man sie heutzutage leider viel zu selten noch erleben darf.
https://www.zirkus-charles-knie.de/