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Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRCUS KNIE
Zürich, 26. Mai 2016

www.knie.ch
Traditionell gastiert der Schweizer National Circus alljährlich im Mai rund vier Wochen in Zürich auf dem zentral gelegenen innerstädtischen Sechseläutenplatz.  Erstmals seit der Neugestaltung des Platzes vor wenigen Jahren besuchten wir den Circus Knie wieder in der größten Stadt des Landes.
Das große weiße Vier-Masten Chapiteau ragt hoch über das helle Grün der noch jungen Bäume auf dem Platz und bildet einen Ruhepol inmitten des hektischen Verkehrs, der den Platz umtost. Der Giebel des Y-förmigen Vorzeltes, das speziell für das Gastspiel auf diesem Platz konstruiert wurde, steht direkt am Rande des Bürgersteiges. Zu beiden Seiten wird es vom nostalgischen Frontzaun flankiert und ein antiker Holzwagen komplettiert die Front. Einige Meter entfernt hat der moderne Kassenwagen seinen Platz und die beiden, den ganzen Tag über geöffneten Schalter werden lebhaft frequentiert.
Anker können auf dem komplett mit edlem Granit gepflasterten Platz nicht eingeschlagen werden, der Platz ist mit versenkt eingebauten Befestigungspunkten, die genau auf die Absegelungen der Knie-Zelte abgestimmt sind, versehen.
Die Rückseite des Geländes wird vom langgestreckten Pferdestall eingenommen. Dazu kommen die Ställe für Kamele, Lamas und Zebras. Großzügige Freigehege nehmen die Freifläche zwischen den Zelten vollkommen ein. Dick aufgeschütteter Sand und Rindenmulch schaffen auf dem Steinbelag einen angenehmen Untergrund für die Tiere. Die Besucher des hier angesiedelten Straßencafés sitzen unmittelbar neben dem Kamelgehege und haben besten Blick in die Menagerie.
Nur wenige Fahrzeuge finden um die Zelte Raum. Die Garderobenwagen sind auf der rechten Platzseite in einer langen Reihe abgestellt. Kühlwagen der Circusrestauration, Stromaggregat, und Toilettenwagen nehmen den restlichen Raum ein. Die modernen Bürowagen stehen in einer Seitenstraße hinter dem Platz.
Zugmaschinen, Materialtransporter und die große Flotte der Wohnwagen sind auf einem anderen Gelände aufgefahren und ein betriebsinterner Shuttle-Service ist eingerichtet.
Das großzügig bemessen Vorzelt ist komplett mit einem Holzboden, der mit rotem Teppich ausgelegt ist, ausgestattet. Die großen hohen Gitterträger der Dachkonstruktion sind mit kunstvoll bemalten Spannbändern versehen, die dem Raum Atmosphäre verleihen. Einer der beiden Container der Restauration und zahlreiche Sitzgelegenheiten und Stehtische gliedern den Raum.
Das knapp 2300 Besucher fassende Gradin ist komplett mit - nummerierten - Einzelklappsitzen ausgestattet. Die blau-rote Piste mit hinterleuchteten Sternen und der große hohe rote Artisteneingang mit reichen goldfarbenen Applikationen sorgen für den seit vielen Jahren gewohnten Look.
Acht Musiker nehmen auf der Orchesterbühne Platz;  sie sind hauptsächlich für die Akzente in der weitestgehend im Playback stattfinden musikalischen Begleitung der Show zuständig.

Das Lichtdesign zeigt sich absolut auf Höhe der Zeit und setzt die auftretenden Künstler perfekt in Szene.

„Smile“ ist das Motto der diesjährigen Produktion, in der Starclown David Larible – er ist zum zweiten Mal mit dem Circus Knie auf Tournee – die Galionsfigur ist.
In dieser Saison ist es an Franco Knie jun. das Publikum herzlich willkommen zu heißen.
Eine junge Violinistin, ihr begegnen wir einige Male im Verlauf der Show, wird in ihrem Spiel von einem Herrn – im dunklen Anzug – in den besten Jahren, der noch nach seinem Sitzplatz in der ersten Reihe sucht, gestört. Unversehens landet der Herr in der Manege und mit Hilfe der Truppe Bingo verwandelt sich Herr Larible in den Clown David Larible, dem schließlich Chris Rui Knie die rote Nase überreicht. Die flott in Szene gesetzte Eröffnung beendet die Truppe Bingo tänzerisch und setzt dabei eine Reihe unterschiedlicher Jonglier-Utensilien ein.
Mit einer Tempojonglage von David Larible jun. wird das Programm fortgesetzt. Der achtzehnjährige Jongleur führt die ersten Muster mit Keulen aus. Anschließend werden sieben und neun Ringe sicher manipuliert. Es folgen Routinen mit Sombreros ehe die abschließenden Muster wieder mit Keulen gearbeitet werden.
Das Duo „Pyongyang Pas de Deux“ vereint Elemente von Ballett, Hand-auf-Hand, Luftartistik mit einer Säbelbalance. Nach verschiedenen Hand-auf-Hand Tricks zeigt die Artistin einen Spitzentanz auf den Oberarmen des Partners. Dann wechselt das Paar ans Trapez. Während des gesamten Auftritts balanciert die Künstlerin ein Tablett mit Sektkelchen auf einem Schwert welches auf ihrem Munddolch ruht.

Clown David Larible bringt zunächst eine neue Variante des Wasserspuckens. Vom Abendregisseur – Enrico Caroli – dazu angehalten den Lichtkegel eines Scheinwerfers aus der Manege zu entfernen, kommt der Clown auf die Idee diesen mit Wasser aus zu löschen. Mit einen Jungen aus dem Publikum als Helfer werden die Lichtkegel weggespukt, bis der letzte sich aus der Manege in die erste Zuschauerreihe bewegt......
Laribles Entree mit Tellern erleben wir gleichfalls im ersten Teil. Die vier mitspielenden ZuschauerInnen produzieren, sehr zu Freude des übrigen Publikums eine gehörige Menge Scherben.
Der strenge Abendregisseur untersagt dem Clown auf der Konzertina zu musizieren, er solle singen – woraufhin er auf italienisch „My Way“ anstimmt. Dies passt dem strengen Herrn nicht und es wird „spanisch – mit mehr Pepp“ gefordert. Nachdem der Clown auch die Wünsche nach französischem, anschließend türkischem, hochdeutschem, schwedischem, rumänischem, japanischem und schließlich russischem Text erfüllt hat erhält er seine Konzertina zurück.
Im letzten Auftritt erleben wir David Larible als Dirigenten, der aus sechs Freiwilligen ein Orchester zusammenstellt, das auf allerlei abstrusen Instrumenten zu spielen hat. Mit diesem, einem seiner Parade-Entrées bringt David Larible das Publikum zum rasen.

Die Tierdressuren im diesjährigen Programm wurden in drei kompakten Blöcken zusammengefasst. Zunächst reitet Fredy Knie jun. eine gekonnte Hohe Schule auf einem weißen Araber. Gleich darauf bringt Marie-José Knie sechs Araberhengste in einer flott ablaufenden Freiheitsdressur in den roten Ring. David Larible begleitet den Auftritt auf der Konzertina und dem live gesungenen französischen Chanson „La Bohème“ stimmungsvoll. Abschließend lässt Fredy Knie jun. vier dekorative gescheckte Pferde, teils zusammen mit einem Kind aus dem Publikum, diverse Lektionen ausführen.
Vor der Pause erleben wir verschiedene, mitreißend dargebotene Aktionen der Stehendreiterei. Maycol, Guidi und Wioris Errani sowie Ivan Frédéric Knie bauen menschliche Pyramiden auf drei schweren Kaltblütern und die kleine Marie-Chanel Knie erklimmt die Spitzenposition. Weiter geht es mit vorzüglicher Jockeyreiterei. Salto auf dem Pferd, Flickflacks, Salto von Pferd zu Pferd und viele weitere Tricks werden in Perfektion ausgeführt.
Dann präsentieren die Brüder Charles und Alexandre Gruss, Enkel von Alexis Gruss, ihre hochkarätige Nummer als Jongleur zu Pferd. Ungeheuer Varianten reich erfolgen die Routinen mit Keulen. Sie jonglieren zu zweit auf einem Pferd, stehen nach außen, arbeiten Passings von Pferd zu Pferd und vom Pferd zum mitlaufenden Partner in der Manege. Abschließend halten beide Brüder fünf Keulen sicher in der Luft.
Im zweiten Programmteil erleben wir Maycol Errani mit sechs Friesen. Der faszinierende Auftritt beeindruckt mit vielfältigen, äußerst selten zu sehenden Abläufen. Beinahe ausschließlich mit seiner Stimme werden die Pferde dirigiert. Einzeln, nur auf Zuruf werden werden Figuren gelaufen, z.B. die in einer stehenden anderen Pferde nach rechts oder links umlaufen und genau in der richtigen Lücke wieder angehalten. In gleicher Weise werden verschiedene Formationen gebildet und verändert.
Géraldine-Katherina Knie präsentiert im Anschluss vier weiße Kamele im Zusammenspiel mit vier Zebras. Interessante abwechslungsreiche Formationen  zeigen die vielfältigen Lauffiguren und im zweiten Teil der Darbietung nehmen vier weiße Lamas die Stelle der Zebras ein. Mit verschiedenen Da Capo Steigern enden diese faszinierenden Dressurvorführungen.

Im artistischen Teil der Show begeistern Sherbak und Popov mit einer starken Hand-auf-Hand Darbietung. Der spielerische Auftrittsstil lässt die enorme Kraftentfaltung hinter den Tricks beinahe vergessen und die elegante Ausführung verleiht dem Auftritt Leichtigkeit.
Shirley Larible ist nun mit Luftakrobatik am Netz zu erleben. Elegant führt die zierliche Artistin die verschiedenen Elemente aus. Besonders die vielen einarmigen Aufschwünge erzeugen ungläubiges Staunen auf den Rängen.
„Pyongyang Mirror Trapeze“ ist der Auftritt der neunköpfigen Truppe des nordkoreanischen Staatscircus, mit dem der zweite Teil beginnt, überschrieben. Zwischen vier Fängern, je zwei stehend mitten über der Manege und zwei an Trapezen zu beiden Seiten erfolgen die vielseitigen Handvoltigen der fünf FliegerInnen. Für die spektakulärsten Tricks wird die mittlere Plattform mit den beiden Fängern entfernt und die Flüge, gekrönt von einem vierfachen Salto, führen mehr als zehn Meter weit, quer über die gesamte Manege.
Die Truppe Bingo präsentiert eine temporeiche Sprungseilnummer, die mit einer gekonnt dargebotenen Trickfolge eines Mitgliedes auf der Rola-Rola kombiniert wurde.
Das „Duo Twin Spin“ aus Berlin begeistert das Publikum mit seinen Diabolospielen. Die beiden Sonnyboys zeigen eine breites Repertoire hochkarätiger Tricks des Genres, die viele zusätzliche Varianten ermöglichen, da sie im Duett gearbeitet werden. Mit großer Präzision und Ausstrahlung reißen sie das Publikum mit.
Die vierköpfige chinesische Formation „Black and White Fantasy“ bietet Handstandequilibristik auf einem hohen Piedestal. Zu klassischen Klängen erfolgen die Tricks mit Attitüden von Balletttänzern. Die anspruchsvollen Tricks, die auch viele Kontorsionselemente beinhalten, werden sicher ausgeführt. Einzigartig die Sprungfolge im einarmigen Handstand. Neun Handstäbe, in einer Reihe angeordnet, bilden eine „Klaviertastatur“, auf der ein Artist mit seinen Sprüngen eine Melodie spielt. Zum Abschluss fächert sich das Requisit in drei Plattformen aus und in der Mitte fährt eine hohe Säule aus. Eine Kopfstandpirouette auf deren Spitze entlockt den Zuschauern viele Begeisterungsausrufe.

Wie seit Jahren üblich, beginnt das Finale mit einer temperamentvollen Choreographie der Truppe Bingo. Nacheinander kommen die Artisten in die Manege und nehmen ihren wohlverdienten Applaus entgegen. Zuletzt nehmen die Mitglieder der Familie Knie ihre Plätze ein und Franco Knie jun. spricht die traditionellen Abschiedsworte. Mit lang anhaltenden Standing Ovations drückt das Publikum seine Begeisterung aus. Nach Konfettiregen und einigen Zugaben leert sich der rote Ring und Clown David schminkt sich ab. Im dunklen Anzug und mit Brille wird er wieder zum „Herr in den besten Jahren“ Ein letztes Lied - „Smile“ - mit Live-Gesang auf der Konzertina, dann nimmt ihn die kleine Marie-Chanel bei der Hand und führt ihn zur Gardine, wo  das komplette Ensemble wartet.