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Text und Fotos Friedrich Klawiter
EUROPEAN CIRCUS FESTIVAL
Lüttich 14. Dezember 2019

www.europeancircus.com
Die 29. Edition von Direktor Stefan Agnessens „European Circus Festival“, im belgischen Lüttich, bietet auch in diesem Jahr erstklassigen traditionellen Circus. Der Tradition folgend, setzt man den glamourösen Präsentationsstil - mit ausgezeichneter Live-Musik und zeitgemäßem Lichtdesign sowie großem Showballett - fort und präsentiert die hervorragende Show in exzellenter Weise.
Die Zeltanlagen und Infrastruktur des Festivals wird auch in diesem Jahr wieder von der Familie Zinnecker gestellt. Das äußerst gepflegte Material prägt das Erscheinungsbild des Events. Unzählige Lichter lassen den Circus weihnachtlich funkeln und reicher Tannenschmuck transportiert das Weihnachtsfeeling.
Das Innere des in verschiedenen Rottönen gehaltenen Foyerzeltes strahlt Wärme und Gemütlichkeit aus. Neben den Verkaufswagen der Circusrestauration findet eine „Champagner Bar“ Platz.
Im Grand Chapiteau stehen ein neunreihiges Schalensitzgradin und drei Reihen gepolsterter Stühle in den stilvoll verzierten Logen für das zahlreiche Publikum zur Verfügung. Der große Artisteneingang aus rotem Samt wird vom Namenszug des Festivals gekrönt und das Orchester hat seinen Platz auf der Empore.

Stefan Agnessen und Regisseurin Nadja Scholl ist es erneut gelungen, eine Reihe hochkarätiger und sehr interessanter Acts zu verpflichten, die unter der gekonnten Dramaturgie von Nadja Scholl zu einer höchst unterhaltsamen Show vereint wurden.
Die Rampin Brothers und die Tänzerinnen des ukrainischen Balletts gestalten das temperamentvolle Opening, indem auch Santa Claus seinen Auftritt hat. „Monsieur Loyal“ Claude Brunel - er führt erneut souverän, eloquent und informativ als versierter Sprechstallmeister durch die Show - begrüßt die Anwesenden.
Je vier Friesen- und weiße Araberhengste preschen zu Programmbeginn in die Manege und formieren sich unter der souveränen Peitschenführung von Miguel Lauenburger zu einem formidablen Achter-Zug. Schwungvoll und fehlerfrei werden die vielseitigen Lauffiguren präsentiert. Flüssig und gekonnt erfolgen gegenläufige Volten und flechten. Mit effektvoll vorgetragenen Da Capo Steigern findet der Auftritt seinen gelungenen Abschluss.
Im zweiten Programmteil sehen wir Miguel Lauenburger wieder. Nun präsentiert der versierte Dresseur in einem temporeichen Ablauf vier prachtvolle Steppenkamele.
Als dritte Darbietung mit Tieren ist Melina Igen mit ihrer anmutig präsentierten Tauben-Revue zu erleben. Die Tiere laufen Slalom über einen Balken und synchron die  Arme der Vorführerin empor bis auf die Schultern. Balancen auf einem Ball und Flüge durch einen Reifen sind weitere interessante Elemente des Auftritts.

Rasant geht Zdenek Orton bei seinem Diabolo-Act zu Werke. Mit großer Dynamik lässt er die Diabolos tanzen. Eine breite Auswahl attraktiver und anspruchsvoller Tricks des Genres werden mit großer Souveränität ausgeführt und abschließend hält er fünf Diabolos zugleich in der Luft.
Die Rampin Clowns bringen ihr großes Entrée im ersten Teil der Show. Gekonnt musizieren sie auf Trompeten und Saxophon. Die verschiedenen Blödeleien münden schließlich in ein liebevoll gestaltetes und alkoholfreies „Bienchen“. Zudem werden im weiteren Verlauf der Show einige musikalisch geprägte Reprisen geboten.
Das artistische Highlight im ersten Programmteil bietet das „Duo Pole“. Die beiden Ukrainerinnen präsentieren eine umfangreiche Abfolge hochkarätiger und kräftezehrender Tricks. Viele Partnertricks sehen eine Partnerin als Porteurin. „Besonders“ sind die zahlreichen, von den beiden Frauen synchron gearbeiteten Tricks.
Vor der Pause schwebt Alexander Lichner im Mundstand auf dem Washington-Trapez aus der Kuppel herab. Ein kräftezehrender Aufgang bringt ihn aufs Schwungtrapez, wo zunächst einige Tricks am ruhenden Requisit gearbeitet werden. In vollem Schwung folgen - Longen gesichert - diverse Abfaller und Zehenhang. Ein abgleiten vom Knie- in den Fersenhang, im vollen Schwung, sowie ein formidabler Zahnhang bilden den gelungenen Abschluss des Auftritts.

Die "Black Ninja", fünf schwarzafrikanische Artisten, bieten in einem temporeichen Auftritt abwechslungsreiche Artistik. Variantenreiches Seil springen bestimmt den Beginn des Acts; es folgen vielältige menschliche Pyramiden. Mit einer temperamentvoll vorgetragenen Limbo-Show wird der Auftritt komplettiert.
Armbrustschütze "Ovidiu Tell" begeistert mit seiner fulminanten Darbietung, die mit risikoreichen Stunts aufwartet. Der Schuss auf einen riesigen Bogen weißen Papiers, auf dem zuvor die Silhouette einer jungen Frau zu erkennen war, bringt die Assistentin - sie hält eine kleine Zielscheibe mit dem Pfeil in der Mitte in Händen - in die Manege. Im Mund gehaltene Luftballons zerplatzen und den platzierten Schüssen und die Schnüre dreier hintereinander angeordneter Ballons werden mit einem Schuss durchtrennt. Zum guten Schluss schießt sich "Ovidiu Tell" selbst den Apfel vom eigenen Kopf. Der erste, von ihm abgefeuerte Pfeil, löst nacheinander fünf weitere aus, ehe der letzte Pfeil den Apfel trifft.
Die Final-Darbietung arbeitet Ladislav Kaiser auf dem Hochseil. Nach dem Aufgang über ein Schrägseil folgt ein temporeicher und trickstarker Auftritt. Zu den Höhepunkten der Nummer zählen die Fahrt mit einem Fahrrad, sowie die blinde Fahrt - die Augen werden unter der Kapuze mit einer Maske bedeckt - auf einem Einrad. Der freie Stand auf einer besonderen, zweistöckigen „Stuhl“-Konstruktion lässt weite Teile des Publikums den Atem anhalten. Abschließend überwindet Ladislav Kaiser eine lichterloh brennende Barriere mit einer gekonnten Rolle vorwärts.
Das glamourös angelegte Finale bietet dem Ballett eine weitere Gelegenheit zu einem großen Auftritt. Die Artisten nehmen ihre Positionen ein und Direktor Stefan Agnesen stellt einen jeden noch einmal vor. Ein starker Schlussapplaus mit Standing Ovations hält die Akteure lange in der Manege während goldenes Konfetti aus der Kuppel regnet. Der Tradition folgend bilden die Artisten im Vorzelt ein Spalier und viele Besucher nehmen das Angebot des „Meet an Great“ gerne an, so dass zahlreiche Selfies mit den Favoriten entstehen.
Das European Circus Festival ist und bleibt ein Highlight, nicht nur der belgischen Circusszene, in der Zeit der weihnachtlichen Circus-Veranstaltungen.