Text und Fotos Friedrich Klawiter
CIRQUE ERIC ZAVATTA - FAM. MULLER
Arles, 29. Juli 2025

Die französische Circusfamilie Muller reist überwiegend in den südlichen Regionen des Landes. Nunmehr im dritten Jahr ist man unter der Firmierung „Cirque Eric Zavatta“ auf Tour. Der Circus hat sich seinen ganz eigenen ursprünglichen Charme bewahrt und man präsentiert handgemachten, traditionellen, guten und mitreißenden „Familiencircus“ der beim sehr zahlreichen Publikum bestens ankommt. Ein Besuch des Unternehmens, sofern sich die Gelegenheit bietet, lohnt alle Mal.
In Arles, einst Provinzhauptstadt des Römischen Reiches und bekannt auch wegen der vielfältigen Überreste aus jener Zeit sowie als Inspirationsquelle für die Gemälde von Van Gogh, war der Circus in einem Gewerbegebiet am südlichen Stadtrand auf dem Parkplatz des „Hypermarché Auchan“ aufgebaut. Der zur Verfügung stehende Platz, der Parkplatz ist zum allergrößten Teil mit Solarpaneelen überbaut, reicht gerade so aus, das große rechteckige gelb-rot gestreifte Zwei-Masten Chapiteau und einen Teil der Fahrzeuge aufzunehmen. Der große und sehr hohe Zeltbau weist acht riesige Quaderpools, je vier in einer Reihe, auf, die eine gewaltige Kuppel formen und das Zelt auf den ersten Blick beinahe wie ein Chapiteau mit mehreren Manegen wirken lassen.
Die große geschweifte Fassade des Durchgangs-Kassenwagen ist dekorativ mit großformatigen Circusmotiven bemalt. Auf ein Vorzelt musste angesichts des beengten Raumes verzichtet werden.
Der Fuhrpark ist komplett in strahlendem gelb lackiert und in großen roten Lettern mit dem Circusnamen beschriftet. Viele Fahrzeuge zeigen zudem Werbebotschaften und sind mit vielseitigen Motiven dekoriert. Wie in Frankreich üblich, ist jedem Sattelzug noch ein großer Anhänger, bzw. sind an jedem Lkw mehrere Anhänger angekuppelt. Der Großteil der Fahrzeuge ist auf angrenzenden Grundstücken und den Inseln von Kreisverkehren abgestellt, so dass der Circus im Straßenbild nicht übersehen werden kann.
Sechs Werbefahrzeuge mit Lautsprecheranlagen sind vorhanden um die Botschaft vom Circusgastspiel bis in die entlegensten Winkel der Stadt zu verbreiten.
Die extrem arten- und umfangreiche Menagerie ist auf mehrere Grünstreifen in den Straßen und Brachen verteilt. Tiger, Löwen, Affen, Pferde, Kamele und Dromedare, Lamas, Ziegen und Gänse, Rinder verschiedenster Rassen, Esel, Schlangen und Flusspferd „Jumbo“ bevölkern die verschiedenen Gehege.
Die „Confiserie“ - der Verkaufswagen der Circusrestauration und eine Station an Kinder schminken angeboten wird, haben ihren Platz im Spielzelt gefunden.
Eine große schlichte gelbe raumhohe Plane bildet den Artisteneingang in dem eine halbkreisförmige, rot und silber gestreifte, glitzernde Gardine hängt.
Fünreihige gerade Tribünen mit Holzbänken sind entlang der Zeltseiten aufgestellt und mehrere Stuhlreihen rings um die Piste komplettieren das Sitzplatzangebot.
Die Logenbrüstungen bilden mit der schmalen Piste eine feste Einheit und die gesamte Konstruktion ist aus gebürstetem Leichtmetall gefertigt.
Reichhaltig und mit modernen Leuchtelement bestückt zeigt sich die Lichtanlage auf der Höhe der Zeit und verfügt zudem über zahlreiche Effekte und auch die Tonanlage zeigt sich leistungsstark.

Die Vorstellung beginnt vor bestens besetzten Rängen indem die Leistungsfähigkeit der Lichtanlage zu den Klängen einer französischen Fußballhymne demonstriert wird und sogleich kocht die Stimmung auf den Rängen hoch.
Kein traditionelles französisches Circusprogramm kommt ohne einen „Monsieur Loyal“ aus – woher sonst sollten die Besucher wissen welche Sensationen ihnen geboten werden.
Nach der wortreichen Begrüßung wird gleich die erste Sensation angekündigt: „Le Dompteur face aux les reines de la savanne“ - „Der Dompteur im Angesicht der Königinnen der Savanne“. Sechs Löwinnen erobern den Zentralkäfig und Aixandre Muller leitet sie zu einer umfang- und abwechslungsreichen Trickfolge an. Eine große Pyramide, Hochsitzer am Platz und ein Teppich mit drei Tieren werden gekonnt ausgeführt. Die vielseitigen Sprungvarianten – u.a. über eine Löwenbar hinweg – und der Balkenlauf werden von mehreren Tieren beherrscht.
Dank zahlreicher kräftig zupackender Hände ist der Zentralkäfig im Nu abgebaut und Clown „Pepino“ überbrückt die Zeit indem er mit dem Publikum mit einem überdimensionalen Ball interagiert. Die „Popcorn Reprise“ wird in einem weiteren Auftritt gezeigt.
Mini-Clown Roy, des Direktors jüngster Sohn, bringt zusammen mit dem Herrn Papa seine Reprise mit einer Flasche, die auf einer Holzleiste balanciert wird.
Drei „Haremsdamen“ leiten die nächste Dressur-Darbietung ein. Drei Steppenkamele beherrschen ein beachtliches Repertoire verschiedener Lauffiguren und schon bald ergänzen zwei Dromedare die Gruppe zu einem veritablen Fünfer-Zug. Zum Da Capo zeigen sich drei Lamas als geschickte Springer.
Die drei „Princes de la piste“ präsentieren dem staunenden Publikum zwei hautnah zwei Würgeschlangen, untermalt von wortreichen Erklärungen des Sprechers.
Ein junger Jongleur mit Künstlername Roberto manipuliert eine enorme Anzahl verschiedener Requisiten. Tennisbälle, größere Bälle, Tennisschläger, Ringe, Macheten und silberne Keulen werden fehlerfrei in immer wiederkehrenden Routinen sicher gehandhabt. Höhepunkt seiner umfangreichen Arbeit ist die Jonglage mit drei lodernden Fackeln.
Equilibristik auf Stühlen arbeitet Rodriguez kraftvoll und gekonnt. Die recht leicht gebauten Stühle werden in unterschiedlicher Weise auf einem großen Tisch angeordnet und alsdann kraftvolle Handstände darauf ausgeführt. Schließlich bilden vier Stühle, je zwei Lehne auf Lehne, ein labil wirkendes Konstrukt, auf dem der Artist jedoch mit Leichtigkeit seinen Handstand ausführt.
Die „Cavallerie de la maison“, vier schwarze Shetland Ponys, laufen ihre abwechslungsreichen Figuren unter der Peitschenführung von Roberto. Als Da Capo zeigt ein Tigerscheck Pony „mit seinem Reiter Emmanuel Macron“ - einem kräftigen Rhesusaffen – gekonnte Barrierensprünge.
Mit den zwei „Sister Anderson“ und ihrer temperamentvoll präsentierten Hula Hoop Darbietung geht es in die Pause. Eifrig sind die Mädchen bei der Sache, steigern permanent den Schwierigkeitsgrad ihrer Übungen und schließlich lässt die ältere der beiden zum effektvollen Höhepunkt des Auftritts einen Feuerreifen um Arme und Körper kreisen.

Der zweite Programmteil beginnt mit einem Act an den Römischen Ringen. Während Rodriguez mit kraftvollen Tricks den seriösen Part übernimmt, ist Roberto mit einigen clownesken Aktionen zu erleben.
Gleich darauf präsentiert Mademoiselle Selena ihr Können am Luftring. Die vielseitige Trickfolge wird in vollem Schwung gekonnt dargeboten.
Clown Eric Zavattai überzeugt mit virtuosem Trompetenspiel während im Hintergrund die Vorbereitungen für den Höhepunkt der Vorstellung stattfinden. Mit Abstand zur Piste wird eine Art Weidezaun bis zum Gehege des Nilpferdes gespannt. Diese Sicherheitsmaßnahme sei unumgänglich denn der Auftritt des „Hippopotame geant“ - des Riesen-Flusspferdes – stehe unmittelbar bevor und es könne, wenn es ärgerlich werde ansonsten ohne weiteres die Piste und die Logen niederwalzen. Direktor Aixandre Muller wird nicht müde die Gefährlichkeit von Flusspferden zu betonen und alle Herren des Circus bringen sich außerhalb des Zeltes in Sicherheit – dann tritt Madame Angelina, des Direktors Ehefrau, in einer großen Tasche reichlich Futter mitführend, in die Manege und „Jumbo“ - so der Name des Kolosses – folgt ihr gemächlich und brav. Nach und nach lässt sich „Jumbo“ fünf Honigmelonen ins Maul schieben und zermanscht sie genüsslich.
Auf Grund ungenügender Sprachkenntnisse können wir den permanenten Ausführungen von Monsieur Muller, der allerlei Wissenswertes über Flusspferde im Allgemeinen und „Jumbo“ im Besonderen erzählt, nur bedingt folgen. „Jumbo“ gibt sich gelassen und heruntergefallene Melonenstücke darf Madame ihm wieder ins Maul schieben. Er genießt es sichtlich hinter den Ohren gekrault zu werden und lässt sich friedlich sein Maul von Sägespänen säubern, woraufhin noch zwei Baguette den Weg in „Jumbos“ Magen finden.
Direktor Muller verkündet das Ende der Veranstaltung – auf ein Finale wird verzichtet – und Madame Muller verlässt die Manege. Zurück bleibt „Jumbo“ der ruhig zusieht, wie sich die Besucher langsam in Richtung Ausgang bewegen, wobei die meisten an der Stelle die dem Tier am nächsten ist noch einmal Halt machen um sich „Jumbo“ ganz genau anzusehen. Madame Muller lockt aus dem Sattelgang mit einer weiteren Melone und sehr gemächlich setzt sich das Flusspferd in Bewegung nachdem es mit einem kräftigen rotieren des Schwänzchens seine Losung in der Manege verteilt hat.
Die Artisten haben inzwischen vor dem Zelt Aufstellung genommen und verabschieden ihre Besucher, von denen viele die Gelegenheit zu einem Selfie mit einem der Akteure nutzen.
Der Cirque Eric Zavatta – Direktion Muller zeigt sich als traditionell ausgerichtetes Unternehmen. Man verzichtet auf zeitgeistiges und zeitschindendes Brimborium und beschränkt sich auf ein echtes, puristisches Circusprogramm. Gerade dieser Umstand und die Präsentation der verschiedenen „Wildtiere“ machen den Besuch der Vorstellung, die gut dreißig Minuten länger als die auf den Plakaten angegebenen neunzig währte, interessant und sehenswert.